Autor: Dr. Thomas Rühmer, Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg
Seit 60 Jahren forscht das Team der Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg an Lösungen und Strategien für die Praxis, um qualitativ hochwertiges Obst in der Steiermark zu produzieren. Während sich in den Anfangsjahren alles um eine Intensivierung des Anbaus und Technisierung vieler Arbeitsprozesse drehte, geht es seit 10 Jahren um die neuen Herausforderungen, die vorrangig die Klimaveränderung mit sich bringt. Seit diesem Jahr trifft sich eine Koordinierungsdelegation bestehend aus Vertretern des Verbandes der steirischen Erwerbsobstbauern, des Obst-, Wein und Gartenbauverbandes sowie der Erzeugerorganisationen und der Fachschule Silberberg in Haidegg zur Besichtigung und Besprechung der Versuchsfragen.
Herausforderungen Klimawandel und Resilienz
Die Klimaveränderung bringt eine Verschiebung der Vegetationsentwicklung mit sich. Durch einen früheren Austrieb vieler Obstarten erhöht sich das Risiko von Spätfrostschäden in den Monaten April und Mai. Außerdem waren die Wintertemperaturen der letzten Jahre für manche Bäume schwer zu überstehen. Im Jänner erreichten die Temperaturen oft zweistellige Plusgrade, die Bäume kamen in Saft, aber der Februar brachte oft noch sehr tiefe Minusgrade, wodurch diese Bäume dann umso mehr litten, im Jahr 2018 vielfach sogar gänzlich abstarben.
Auch die Niederschlagsverteilung macht es den Obstbäumen schwer. Extrem lange Trockenperioden mit heißen Temperaturen (über 30°C) wie wir sie vor allem heuer erleben, wechseln sich mit Phasen des Starkniederschlags ab. Die ausgetrockneten Böden sind dann meist nicht in der Lage, das übermäßige Wasser aufzunehmen, was häufig zu Abschwemmungen und Überflutungen führt.
Ein weiteres Problem der Klimaveränderung ist, dass neue Schaderreger austreten, gegen die keine praktikablen Lösungen zur Verfügung stehen. Marmorierte Baumwanze, Kirschessigfliege, Japankäfer und andere mehr machen dem Obstbau in der Steiermark das Leben schwer.
Grundsätzlich gewinnt man mehr und mehr den Eindruck, dass die klimatischen Bedingungen eine einfache Obstproduktion in der Steiermark unmöglich machen. Adaptierte Lösungen und Strategien sind also dringend gesucht.
Bild: Beim Apfel ist die Sortenvielfalt besonders groß. Der Erhaltungsgarten der Versuchsstation Haidegg trägt dazu bei, dass diese Sorten erhalten bleiben.
Erhaltung alter und robuster Kernobstsorten
Gleichzeitig erhält die Versuchsstation seit mehr als 40 Jahren alte Kernobstsorten, nicht nur für interessierte Sortenliebhaber, sondern auch zur Erhaltung wertvoller Genressourcen. Dadurch kann man jederzeit auf ein breites Spektrum an Sorteneigenschaften zurückgreifen, die für die Züchtung von Apfel- oder Birnensorten dienen können, die den Anforderungen der zukünftigen Anbaubedingungen besser gewachsen sind.
Pflanzenschutz als Gesamtkonzept
Pflanzenschutz ist in der breiten Öffentlichkeit ein negativ besetzter Begriff und wird oft mit Schlagworten wie Gift, Pestizide und ähnlichen in Verbindung gebracht. Dabei sollte es nichts Verwerfliches sein, die Pflanzen zu schützen. Aufgrund dieser öffentlichen und nicht selten medial gesteuerten Diskussion und der Situation, dass kaum neue Wirkstoffe zugelassen werden, ist ein rein chemischer Pflanzenschutz immer undenkbarer.
Daher muss der Schutz der Obstkulturen in Zukunft wohl viel gesamtheitlicher gedacht werden:
Resiliente Pflanzen (die ideale Kombination aus Sorte und Unterlage) in einem gesunden Boden (intakte Boden-mikrobiologie) unter einer entsprechenden Schutzeinrichtung (Hagelnetze alleine werden in Zukunft nicht mehr
ausreichen, Fixüberdachungen mit einer optimalen Wasserversorgung werden künftig eine größere Rolle spielen) sind der Schlüssel zu einem gelungenen Obstbau in der Steiermark.
Das Team der Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg begleitet diese Entwicklung mit ihrer angewandten Forschung. Eine Möglichkeit, die Versuche vor Ort zu besichtigen wird es am Donnerstag, 10. September 2026 um 17.00 Uhr geben (Ragnitzstraße 193, 8047 Graz).
Lesen Sie weiter Ausgabe 09/2026.
